Sonntag, 19. Juni 2011

Aby Warburg und die Geburt der Pathosformel in Hamburg

Marcus Andrew Hurttig: Die entfesselte Antike. Aby Warburg und die Geburt der Pathosformel in Hamburg.Hrsg. von Thomas Ketelsen und Andreas Stolzenburg. Hamburg: Hamburger Kunsthalle, 2011. 96 S., Abb., kart., 9,80 Euro, ISBN 978-3-938002-34-6

Noch bis 26. Juni zeigt die Hamburger Kunsthalle eine kleine, von Marcus Andrew Hurttig kuratierte Ausstellung über "Aby Warburg und die Geburt der Pathosformel in Hamburg", zusammengestellt aus den Beständen der eigenen Sammlungen.

Es geht dabei um einen Vortrag über "Dürer und die italienische Antike", den Warburg im Oktober 1905 in seiner Vaterstadt Hamburg auf dem 48. Philologenkongress hielt. In diesem Vortrag entwickelte Warburg seine These von der Suche der italienischen Künstler der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts im "Formenschatz" der Antike nach Vorbildern für die "pathetisch gesteigerte wie für die klassisch gemilderte Ausdrucksweise".

Grundlage für Warburgs Ausführungen waren etwa Albrecht Dürers Zeichnung "Der Tod des Orpheus" und Radierungen von Andrea Mantegna und seinem Kreis, die ihm Alfred Lichtwark, Direktor der Hamburger Kunsthalle, großzügig für seinen Vortrag zur Verfügung stellte.

Der empfehlenswerte Katalog enthält eine Dokumentation der Ausstellung und darüber hinaus eine Auswahledition der Korrespondenz Warburgs mit Alfred Lichtwark aus dem Archiv der Kunsthalle.

Anzumerken sind hier einige Kleinigkeiten: zu Warburgs auf den ersten Blick rätselhaften Ausdruck "mit ungerettetem Boot", verwendet in einem Brief an Lichtwark vom August 1900 (S. 66), passt eine Notiz "soll auf das gerettete Familienboot hoffen" vom Mai desselben Jahres (siehe Aby Warburg: Symbolismus aufgefaßt als primäre Umfangsbestimmung. In: Symbol. Grundlagentexte aus Ästhetik, Poetik und Kulturwissenschaft. Hrsg. von F. Berndt und H. J. Drügh. Frankfurt am Main 2009, S. 75–91, hier S. 86) – die biografische Bedeutung, die sich mit diesen Dokumenten verbindet, liegt auf der Hand, bedenkt man, dass Warburg zeitlebens als Privatgelehrter gearbeitet hat.

Der von Hurttig in der Briefedition ebenfalls mit einem Fragezeichen versehene Name "Baer" (S. 68) bezieht sich doch wohl auf das Frankfurter Antiquariat Joseph Baer & Co., bei dem Warburg Kunde war.

In einem späteren Brief Warburgs (S. 74) ist statt "Volkskindertag" richtig "Volkskundetag" zu lesen – in der Ausstellung selbst war dies allerdings Mitte Mai bereits korrigiert.

Ferner vermisst man im Katalog einen Hinweis auf Gottfried Korffs Aufsatz "Aby Warburg und der 'Volkskundekongress' von 1905" (Zeitschrift für Volkskunde 101, 2005, S. 1–29), der eine noch genauere Rekonstruktion der Ereignisse und parallelen Vorhaben ermöglicht hätte.

Vom 1. März bis 27. Mai 2012 wird die Warburg-Ausstellung in Köln zu sehen sein (Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud).

Björn Biester

Aus dem Antiquariat. Zeitschrift für Antiquare und Büchersammler Neue Folge 9 (2011) Nr. 3/4, S. 180 f.

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