Veränderungen und Aktualisierungen wurden für die offenbar von Hönes selbst erstellte deutsche Fassung nicht vorgenommen; punktuelle bibliographische Ergänzungen wären vielleicht sinnvoll gewesen.[1] Entfallen sind die ›Acknowledgements‹ und der (unvollständige) ›Index‹ der Londoner Originalausgabe, die es im Gegensatz zur deutschen Ausgabe auch als E-Book gibt. Der deutsche Verlag setzt den Anmerkungsapparat samt ›Auswahlbibliografie‹ als Endnoten-Augenpulver (S. 322–350; in der Originalausgabe S. 234–283), aber damit arrangiert man sich. ›Aby Warburg. Der Mann hinter dem Mythos‹ ist in erster Linie eine sehr gut lesbare Einführung für eine weitere Leserschaft ohne spezielles Vorwissen, aber doch auch ein kritischer Beitrag zur heterogenen und gelegentlich esoterischen Warburg-Forschung, die Warburg »oft mit einer geradezu hagiografischen Intensität verehrt« (S. 9).
›Aby Warburg. Der Mann hinter dem Mythos‹ ist gegliedert in elf Kapitel (u. a. ›Ein Leben in der Rückschau‹, ›Lebenswege: Warburgs Schicksal‹, ›Am Abgrund: Fragmente eines Lebens‹, ›Alpha und Omega‹), die mehr oder weniger der chronologischen Ordnung folgen. Hönes geht auf Warburgs akademischen und intellektuellen Werdegang ein, seine Emanzipation von jüdischen Speisevorschriften, seine spezifische Arbeitsweise, seine Lektüren (Giordano Bruno, Thomas Carlyle, Karl Lamprecht, Hermann Osthoff, Richard Semon und andere) sowie das gesellschaftliche Umfeld. Grundlage der Ausführungen, die auf eine langjährige Befassung mit Warburgs Leben und Denken sowie einen Postdoc-Aufenthalt am Warburg Institute in London zurückgehen, sind nicht nur die recht spröden und voraussetzungsreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen Warburgs etwa zur italienischen Frührenaissance, sondern auch unveröffentlichte Teile des Londoner Nachlasses, Briefe und die privaten Tagebücher.
Darüber hinaus handelt Hönes von Warburgs Familienhintergrund, seiner Ehe mit der aus der protestantischen Elite Hamburgs stammenden Künstlerin Mary Hertz, der Nordamerika-Reise 1895/96 und Warburgs publizistischen Betätigungen während des Ersten Weltkriegs, die erfolglos darauf zielten, Italien vom Kriegseintritt gegen das Deutsche Reich abzuhalten.
Ergänzt wird die Darstellung durch 45 überwiegend bereits bekannte schwarz-weiße Abbildungen.
Dass Warburg, Spross einer während des Kaiserreichs wirtschaftlich höchst erfolgreichen Hamburger Bankiersfamilie und nicht auf Erwerbstätigkeit angewiesen, mit dem privilegierten Status als Privatgelehrter rang, stellt Hönes mit vielen überzeugenden Belegen dar, weist aber zugleich auf Warburgs mehrfach bewiesenen Begabungen als Netzwerker und Organisator wissenschaftlicher Tagungen hin.
Einen bürgerlichen Beruf übte Warburg nie aus; das wissenschaftliche Publizieren fiel ihm schwer, mehr als eine Buch- oder Aufsatzveröffentlichung scheiterte an inneren Widerständen Warburgs. Dass Warburg sich als ›Desperado‹ bezeichnete (S. 138, 202 und 274), war nicht nur geistreich-scherzhaft gemeint, sondern offenbarte gequälten Sarkasmus. Eine feste institutionelle Anbindung kann man sich für Warburg nur schwer vorstellen, auch wenn es Versuche in diese Richtung gab. Der Auf- und Ausbau der privaten Bibliothek zu einer halböffentlichen Einrichtung, nach der Rückkehr aus Florenz nach Hamburg forciert, sorgte für eine gewisse Erleichterung. In den 1920er Jahren gab es dann an der ›Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg‹ nicht nur wechselseitig höchst fruchtbare Beziehungen zur neugegründeten Hamburger Universität, an der unter anderem Ernst Cassirer und Erwin Panofsky lehrten, sondern auch wissenschaftliche Vorträge und zwei Veröffentlichungsreihen im renommierten Verlag B. G. Teubner in Leipzig. Diese vielfältigen Aktivitäten sorgten endlich für eine Anerkennung der Ideen und Leistungen Warburgs und seiner Mitarbeiter.
Sachliche Fehler unterlaufen Hönes fast keine. Statt ›Hamburger Weihnachtsalbum‹ muss es ›Hamburger Weihnachtsbuch‹ heißen (S. 154 f.). Felix Warburg, der wie wenig später sein Bruder Paul in ein New Yorker Bankhaus einheiratete, wird mit dem bodenständigen und acht Jahre jüngeren Fritz Warburg verwechselt (S. 61). Die Bibliothek Warburg stand dem Publikum ab 1914 werktäglich für zwei Stunden offen (S. 248: »zwei Stunden an Wochentagen«); im selben Abschnitt ›Der Turm‹ wird Gustav Pauli als »Familienfreund und Kunsthistoriker in Lübeck« angeführt (S. 249), wohl eine Verwechslung mit Carl Georg Heise, der ein paar Seiten später genannt wird.
Gleich auf S. 7 stimmt Hönes‘ Aussage über »die Umstände ihrer ersten Schwangerschaft« Charlotte Warburgs nicht, weil es ja eine Tochter gab, die im September 1865 mit sechseinhalb Wochen starb – dokumentiert in den von Hans W. Hertz bearbeiteten ›Stamm- und Nachfahrentafeln der Familie Warburg Hamburg-Altona‹.[2] Dass Charlotte Warburgs Familienchronik, aus der Hönes eingangs erschütternd-intime Sätze zitiert, auf 1904 datiert, ist womöglich kein Zufall: im Sommer 1904 nahm sich Olga Kohn-Speyer, Aby Warburgs 1873 geborene Schwester, in Bern das Leben – dieses Ereignis traumatisierte die Familie.[3] Hönes erwähnt S. 146 den tragischen Tod des 1899 geborenen Neffen Alfred Kohn-Speyer im August 1901, nicht jedoch den Suizid der Schwester drei Jahre später.
Warburgs Eintrag im Bibliothekstagebuch »Wer dichtet mir den antisaturnischen Paian auf den spätreifenden Apfelbaum?« bezieht sich nicht auf ihn selbst (so die Interpretation von Hönes S. 319–321), sondern auf Warburgs langjährigen Freund Paul Ruben, dem er am Tag vor seinem Tod gegen Widerstände (»bei Ruben hatten sie das Gefühl einer Sinecure«) zu einer Förderung in Höhe von »300 Mark monatlich auf ein Jahr« durch die Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung verholfen hatte, damit dieser, gesundheitlich beeinträchtigt und unverschuldet in wirtschaftliche Bedrängung geraten, seine hebraistischen Studien fortführen konnte.[4]
Auf die bitteren Konflikte, die Warburg nach seiner Rückkehr aus dem Kreuzlinger Sanatorium nach Hamburg mit seinem Assistenten Fritz Saxl austrug, geht der Abschnitt ›Machtkämpfe‹ ein (S. 257–262). Die Bemerkung über die »Affäre«, die der verheiratete Saxl mit der »jungen promovierten Philosophin« Gertrud Bing kurz vor Warburgs Rückkehr »begonnen« hatte, könnte man ergänzen um eine Mitteilung, dass Bing und Saxl über ein Vierteljahrhundert ihr Leben teilten, bis zu Saxls frühem Tod im März 1948.
Das ist jedoch eher eine Notiz für eine Liste zukünftiger Warburg-Recherchen, auf die man unter anderem auch die erst seit 2021 nicht mehr für die Einsichtnahme gesperrte Korrespondenz der Eheleute Toni und Ernst Cassirer aus den Hamburger Jahren setzen sollte.[6] Eine Reihe weiterer Hinweise auf offene Warburg-Themen hat Dieter Wuttke gegeben.[7]
Diese Anmerkungen ändern nichts daran, dass Hans Christian Hönes ein souveränes und sympathisches Buch geschrieben hat – es bringt den Lesern tatsächlich den ›Mann hinter dem Mythos‹ näher, der sich als »Seismograph« empfand und selbst an seine »höhere Sendung« glaubte (S. 279). Dem knappen Besprechungsurteil von Martin Treml zu ›Tangled Paths. A Life of Aby Warburg‹ kann man deshalb für die deutsche Ausgabe zustimmen: »Hönesʼ Biographie eignet sich als Hinführung zu Warburg, bietet aber auch Kennern Einsichten. Grundsätzliches wird erklärt, Neues erörtert, die reichhaltige Literatur zu Warburg einbezogen.«[8] Der Verlag Wagenbach spricht werbend von einer »akribisch recherchierten, elegant geschriebenen Biografie«.[9] Auch das ist eine ganz zutreffende Beschreibung.
Reizvoll und aufschlussreich könnte es sein, nach dem Buch von Hönes die »Intellectual Biography« Aby Warburgs, die Ernst H. Gombrich 1970 vorgelegt hat, (erneut) zu lesen – und über die Wege und Umwege der Warburg-Interpretationen seitdem zu räsonieren.
Sternenfreundschaft. Die Korrespondenz Aby Warburg und Franz Boll [14. Juli 2024] https://aby-warburg.blogspot.com/2024/07/sternenfreundschaft-die-korrespondenz.html
[1] 2024 erschienen ›Gertrud Bing im Warburg-Cassirer-Kreis. Mit dem Text ihrer Dissertation von 1921‹, herausgegeben von Dorothee Gelhard und Thomas Roider, sowie ›Sternenfreundschaft. Die Korrespondenz Aby Warburg und Franz Boll‹, ebenfalls von Dorothee Gelhard herausgegeben. Uwe Fleckners ›Der Blitz und die Schlange. Aby Warburgs amerikanische Reise‹ (Berlin 2023) ist ein Supplement zu dem von Fleckner 2018 in der Warburg-Schriftenausgabe herausgegebenen Band ›Bilder aus dem Gebiet der Pueblo-Indianer in Nord-Amerika‹.
[2] Stamm- und Nachfahrentafeln der Familie Warburg Hamburg-Altona. Als Manuskript für die Familie gedruckt [bearbeitet von Hans W. Hertz]. Hamburg 1937, Tafel 14. Die Todesursache geht aus der Genealogie nicht hervor; Mary Anna (Mirjam) Warburg wurde auf dem Friedhof am Grindel in Hamburg beigesetzt.
[3] Ron Chernow: Die Warburgs. Odyssee einer Familie. Aus dem Amerikanischen von Karl A. Klewer. Berlin 1994, S. 112 f.
[4] Björn Biester: Der innere Beruf zur Wissenschaft: Paul Ruben (1866–1943). Studien zur deutsch-jüdischen Wissenschaftsgeschichte. Mit einem Anhang: Edition und Kommentierung des Briefwechsels mit Aby M. Warburg, Hermann Usener, Ludwig Binswanger, Fritz Saxl, Gertrud Bing, Alfred Vagts, Hans Meier, Fritz M. Warburg und Carl A. Rathjens. Berlin/Hamburg 2001 (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte 14), S. 120 f.; für den Hinweis danke ich Joist Grolle, Brief von Joist Grolle an Björn Biester, 9. November 2001.
[5] Rudolf Martin: Jahrbuch des Vermögens und Einkommens der Millionäre in den drei Hansastädten (Hamburg, Bremen, Lübeck). Berlin 1912, S. 20.
[6] Ernst Cassirer Papers - Addition. General Collection, Beinecke Rare Book and Manuscript Library, Yale University, https://hdl.handle.net/10079/fa/beinecke.cad
[7] Dieter Wuttke: Im Fokus: Warburg und Warburg-Kreis. Beiträge 1966 bis 2019. Hrsg. von Petra Schöner. Baden-Baden 2020 (Saecvla Spiritalia 52), hier ›Warburg aus dem Zettelkasten. Exkurse, Fragmente, Glossen, Notizen (Erstdruck)‹ mit 31 Abschnitten (u. a. Alchemie, Archiv, Autobiographisches, Bibliographie, Bilderinnerung, Club von 1894, Dikta, Exegese more majorum, Ex libris, Krankheit, Methode, Mnemosyne-Atlas, Persönliches, Promotion in Straßburg, Tod, S. 487–582.
[8] Martin Treml: Im Netzwerk. Neues zu Aby Warburg und seinem Kreis. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 285, 6. Dezember 2024, S. 12.